Wort des Tages – An die Nichtbeter

Wort des Tages – An die Nichtbeter

Liebe Nichtbeter!

Neulich sagte ich zu einer Religionslehrerin, sie solle auf einen Kaffee vorbeikommen. Sie antwortete mir: „Jetzt soll man ja keine sozialen Kontakte mehr haben!“ Ich denke über Ursachen und Beweggründe jetzt gar nicht nach, denn Papst Benedikt hat einmal geschrieben, dass das Böse nicht vernünftig sei und man nicht versuchen solle, es zu ergründen.

Wenn ich täglich am Schluss der Messe den Segen mit dem Allerheiligsten gebe, dann gebe ich ihn für die ganze Pfarre und auch für das Dekanat und das Tal. Dabei denke ich an die Kirchgänger, an die Beter, an die Fernstehenden, an die Nichtbeter und auch an Ausgetretene! Ich tue das, weil ich als Pfarrer vor Gott für alle verantwortlich bin und, ich trau mir das zu schreiben, weil ich euch wirklich mag. Es gibt niemanden, den ich nicht mag. Denn wir haben das Wichtigste gemeinsam. Wir alle sind von Gott geliebt, Gott hat jedem von uns eine Sehnsucht nach der Fülle ins Herz gegeben und im Grunde genommen möchte eigentlich jeder das Gute.  Vor einigen Wochen hat mich ein Mann aus einer benachbarten Pfarre angerufen und hat mich wüst beschimpft, mich, einen Nachbarpfarrer, eine Pfarrassistentin, die Kirche allgemein. Es war ganz heftig. Ich kam gar nicht dazu, auf irgendeine Beschimpfung zu reagieren, ich sagte nur, ich würde mich freuen, wenn er vorbeikäme und habe mir vorgenommen, ihn wirklich einmal zu besuchen, was jetzt leider nicht möglich ist. Ich dachte mir: Auch er ist von Gott geliebt, er ist sicher verletzt worden, aber auch er hat diese Sehnsucht im Herzen. Wenn jemand viel schimpft, dann ist es ihm eben nicht wurscht und im Verborgenen ist ein guter Kern da.

Gestern habe ich mich an die Beter gewandt und versucht, einige Anregungen zu geben. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich selber auch ein Lernender bin. Ich bin immer noch dabei, beten zu lernen oder besser beten zu lernen. Ich bin mir auch ganz sicher, dass es viele Leute in der Pfarre gibt, meist ganz einfache Leute, die viel besser und wirksamer als ich beten können. Wenn in der Pfarre manches gelingt, dann denke ich immer: Das ist jetzt deshalb, weil Menschen unsichtbar im Hintergrund beten oder ihre Leiden Gott schenken. Ihnen verdanken die Aktiven die geistlichen Erfolge.

Heute möchte ich mit Euch, den Nichtbetern, über das Beten nachdenken. Gegenwärtig ist es so, dass den meisten von uns soziale Kontakte untersagt sind. Wir hätten sie gerne, aber wir dürfen nicht. Das Beten ist eigentlich auch ein sozialer Kontakt, es ist ein Kontakt mit einer Person, die man zwar nicht sieht, die aber noch wirklicher ist als ein Mensch, den man leibhaftig gegenüber hat. Dieser Kontakt mit Gott ist nicht verboten, aber viele verzichten freiwillig darauf.

Manchmal sagt mir jemand: Herr Pfarrer, ich kann nicht glauben, aber ich beneide Menschen, die glauben können. Man könnte diesen Satz auch auf das Beten anwenden. Da frage ich dann manchmal vorsichtig: Willst du vielleicht glauben können, willst du beten können? Wenn du jemanden beneidest, der glauben kann, setzt du eigentlich schon voraus, dass es einen Gott gibt. Wenn du jemanden beneidest, dann hast du schon eine Sehnsucht nach Gott in Dir.

Eine persönliche Erfahrung mit dem Gebet

Ich erzähle euch jetzt, wie ich mit dem Beten eine besondere Erfahrung machte. Als sich noch Polizist war, habe ich für den Gemeinderat kandidiert und habe mich dort mit jugendlichem Idealismus engagiert. Gerade in dieser Zeit habe ich viel nachgedacht und mich nach vielen Umwegen über Esoterik usw. wieder für den katholischen Glauben interessiert. So nebenbei habe ich eine Biographie von Mahatma Ghandi gelesen. Diese Person hat mich irgendwie fasziniert, weil er sich politisch engagiert hat und zugleich als Hindu eine herausragend religiöse Gestalt war. Da las ich in der Biographie, dass Ghandi zur Erkenntnis kam, dass die Kindheitsgebete so wertvoll sind. Er hat sein Badezimmer mit diesen austapeziert und diese Gebet jeden Morgen mehrmals wiederholt. Irgendwie hat er da den meditativen Sinn der Wiederholung hervorgehoben. Als ich diesen Gedanken begeistert aufnahm, kam mir plötzlich die Erkenntnis: Das haben wir ja beim Rosenkranz viel schöner verwirklicht, eine Art meditatives Verweilen, ein ständiges Wiederholen. Und da dachte ich mir: Wenn ich jeden Tag einen Rosenkranz beten würde, dann müsste eigentlich etwas passieren. Und ich habe wirklich begonnen, wenn ich spät abends einen Spaziergang durch den Ort machte, leise den Rosenkranz zu beten. Ich habe es täglich getan, obwohl ich zunächst gar nichts gespürt habe, einfach auf die Vermutung hin, es geschieht was. Nach einiger Zeit, es war der 10. Juli 1988, hatte ich bei einer Festmesse in der Pfarrkirche Tamsweg, während der Predigt von Prälat Johann Maier ein Berufungserlebnis. Ich spürte ganz deutlich und heftig, ich soll Priester werden. Zum ersten Mal in mein Leben habe ich von Innen her genau gewusst, was ich will bzw. was ER, was Gott von mir will. Und ich bin überzeugt, dass das Beten des Rosenkranzes auch dazu beigetragen hat, für diesen Ruf empfänglich zu werden.

Anregungen für Nichtbeter

Wenn jemand von Euch, den Nichtbetern, sagt, ich will nicht beten oder ich will nicht beten können, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn du sagst: Ich will auch nicht wollen können, dann brauchst du jetzt nicht mehr weiterzulesen. Wenn du aber sagst: Ich möchte vielleicht doch wollen können, dann hat es einen Sinn, jetzt weiterzulesen. Wenn jemand sogar sagt: Eigentlich möchte ich auf das Gebet, auf diese Form eines sozialen Kontaktes nicht verzichten, dann möge er auf alle Fälle weiterlesen. Ich versuche einfach, ein paar Anregungen zu geben.

  • Erstens: Wenn du nicht beten kannst, sollst du dich nicht dafür rechtfertigen, indem du sagst: Ich bin zwar kein Kirchenspringer, aber ein guter Mensch, nicht so wie dieser oder jener …. Wenn du dir nämlich ganz sicher wärst, dass das Beten oder der Messbesuch nicht sinnvoll sind, dann bräuchtest du dich nicht zu rechtfertigen und auch nicht bei Kirchengängern Fehler suchen. Übrigens: Fehler kann man überall finden, sogar bei Heiligen. Wenn du jedoch das Bedürfnis hast, dich zu rechtfertigen, dann betrachte das als Hinweis, dass du eigentlich gerne beten können würdest.

  • Zweitens: Wenn du nicht beten kannst, ruf die Obfrau des Pfarrgemeinderates oder irgendjemand anderen an, von dem du weißt, dass er gerne betet, und sage ihr oder ihm: Bitte bete für mich. Er oder Sie tut das sicher gerne und gratis. Das Wort gratis kommt übrigens vom lateinischen gratia und heißt Gnade (göttliche Kraft, göttliches Leben). Wenn ich z. B. im Widum irgendein handwerkliches Problem habe und es nicht lösen kann, weil ich „zwei linke Hände“ habe, dann rufe ich meinen fünfzehnten Nothelfer, den Alois Hauser, an und er macht mir das sofort. Je öfter ich ihm zuschaue, desto mehr kommt mir der Gedanke, vielleicht erlerne ich selbst auch noch manche Fertigkeit.

  • Drittens: Vermute einfach einmal, dass es Gott wirklich gibt und dass jeder Mensch die Fähigkeit, ein inneres Organ hat, mit diesem Gott in Verbindung zu treten. Denn für die Vorstellung, dass es Gott nicht gibt, dass alles einfach so geworden sei etc. bräuchte es eine Art Glaube, der unvernünftig und viel, viel schwieriger anzunehmen wäre als unser wunderschöner Glaube. Wenn jemand vernünftig ist, ist es geradezu logisch, an einen lebendigen Gott zu glauben. Wenn du diese Gottesvermutung hast, dann ist im Inneren bereits eine Tür aufgemacht.

  • Viertens: Papst Benedikt hat einmal gesagt: Wenn jemand nicht glauben kann, dann soll er einfach einmal anfangen, so zu leben, als ob es Gott gäbe, d. h. einfach versuchen, nach den Geboten zu leben. Dann kann sich plötzlich der Glaube und das Bedürfnis zu Beten wie von selbst einstellen.

  • Fünftens: Fang einfach an zu beten. Wenn mir jemand sagt: Ich kann nicht schwimmen, aber er möchte gerne, dann sage ich ihm: Du musst halt ins Wasser gehen. Genauso  ist es mit dem Beten. Dabei ist es ganz wichtig, dass man es einfach tut, ohne darauf zu achten ob man immer etwas spürt. Und man soll es nicht bloß dann tun, wenn es einem danach ist, sondern regelmäßig, unabhängig davon, wie man drauf ist. Man muss eine Durststrecke durchschreiten, und plötzlich wächst die Fahigkeit und die Freude an dieser neuen, übernatürlichen Kontaktmöglichkeit. Konkrete Vorschläge findet ihr in unserer Rubrik Sakramente/Gebete.

  • Sechstens: Es gibt auch praktische Hilfen zum Beten. Wenn man an einen Ort kommt, der sozusagen durchbetet ist (Wallfahrtsorte, etc.), dann spürt man das oft geradezu physisch und wird förmlich zum Gebet angeregt. Viele Leute, auch Fernstehende, haben mir schon berichtet, dass sie in unserer Kirche in die Fatimakapelle gegangen sind und ganz anders herauskamen. Sie wurden beschenkt, es ist ihnen ein Licht aufgegangen, es hat sich etwas gelöst oder geklärt. Oft können sie gar nicht ausdrücken, so sehr hat es sie ergriffen. Probiert es auch einmal! Man kann auch den Körper als Hilfe verwenden zum Beten. Probier einfach einmal, dich niederzuknien und kniend zu beten. Es kann sein, dass es plötzlich leichter geht. Der Leib, die Körperhaltung kann beten helfen.

  • Siebtens: Ein letzter Vorschlag. Tut euch mit jemand zusammen, der betet, indem ihr einfach dabei seid, oder mitbetet. Oder: Kommt in den Jungscharraum. Setzt oder kniet euch vor das Allerheiligste und sagt: Herr, jetzt bin ich da. Ich verweile jetzt vor dir. Jetzt bist Du am Zug! Du wirst anders herauskommen!

Die Not lehrt nicht beten!

Es gäbe sicher noch viele weitere Vorschläge, aber zum Schluss möchte ich noch einen wichtigen Gedanken fassen und einen möglichen Helfer vorstellen.

Oft hört man die Leute sagen: Die Not lehrt beten! Diesen Ausspruch halte ich für falsch. Hinter dieser Aussage kann auch ein negatives Gottesbild stecken. Es gehört zu den bedrückendsten Erfahrungen für mich als Priester, wenn ich Menschen in tiefster Not (z. B. bei Krankheit oder beim Sterben) erlebe und oft erfahre, wie schwierig es ist, in solchen Situationen wirklich zu trösten, wenn die Beziehung zum eigentlichen Tröster, zu Gott nicht grundgelegt ist. Wenn jemand im Überfluss nicht dankbar sein kann (dem Urheber aller Gaben), dann wird er in der Not eher fluchen als beten, was nicht heißt, dass man nicht in der Not auch umkehren und beten lernen kann. Letztlich ist es ja ein Geschenk, eine Gnade. Es ist aber sicher viel leichter, im Überfluss Gott als Urheber der Gaben zu entdecken und ihm zu danken, um sich dann auch in der Not nach ihm auszustrecken.

Ein Vorbild und Helfer beim Beten

Heute ist mir ein wichtiger geistlicher Helfer eingefallen. Heute ist nämlich der Sterbetag vom Seligen Kaiser Karl. Bei der Sanierung der Pfarrkirche haben wir eine Reliquie von Kaiser Karl und ein Portrait von ihm auf den linken mittleren Seitenaltar gegeben, und gegenüber davon den Heiligen Johannes Paul II.

Ich habe mir oft gedacht. Der Kaiser Karl ist ein Seliger, den wir auf Grund der künftigen, vorhersehbaren Entwicklung einmal ganz dringend brauchen werden.

Das besondere an Kaiser Karl ist nämlich Folgendes: Er ist jung Kaiser geworden, während des Ersten Weltkrieges. Er musste in einem schrecklichen Krieg regieren, den er weder gewollt, noch verschuldet hatte. Die liberale Presse hat in schlecht gemacht, die deutschen Generäle haben ihm keinen Spielraum gelassen, enge Mitarbeiter waren feig und illoyal, viele haben seine ehrlichen und konsequenten Friedensbemühungen hintertrieben. Kaiser Karl hat sich vor Gott verantwortlich gewusst für alle Völker, für die Schaffung von Frieden. Er war ein vorbildlicher Familienvater, sozial eingestellt und hat sich restlos im Dienst an den Menschen verausgabt. Im Exil auf Madeira hat er in der Ohnmacht des Leidens und Sterbens alles Gott für seine Völker aufgeopfert. Das alles konnte er, weil er einen tiefen Glauben hatte, weil er ein wahrer Beter war!

Gestern habe ich geschrieben, dass jetzt eine Zeit der Gnade ist. Und ich bin fest davon überzeugt! Trotz mancher Sorgen, sind wir jetzt noch im Überfluss. Wir haben genug zu essen, wir haben Kleidung, wir haben elektrischen Strom, ein Handy usw. Gleichzeitig wissen wir, dass die Wirtschaft durch verschiedene Maßnahmen schwer angeschlagen wurde und wird. Dass kann Folgen haben.

Deshalb meine ich jetzt: Nützen wir die Einschränkung der sozialen Kontakte, um den die Seele des Menschen erfüllendsten Kontakt zu pflegen, die Gemeinschaft mit Gott. Verbinden wir uns jetzt, in dieser Zeit der Gnade und des Überflusses mit Gott, lassen wir diese Verbindung noch tiefer und fester werden. Es wird uns helfen, jetzt für alle Wohltaten dankbar zu sein und in allen Schwierigkeiten und Nöten bei ihm Halt und Schutz zu finden.

Mit diesen Gedanken und Wünschen mit Euch verbunden

Euer

Dekan Ignaz Steinwender