Wort des Tages – Sterben

Wort des Tages – Sterben

Liebe Leser unserer Homepage!

Mich bewegt in diesen Tagen die Frage, wie man wirklich leben und am Ende in Frieden sterben kann.

Die Coronakrise hat Angst ausgelöst. Die Angst krank zu werden oder zu sterben oder geliebte Menschen zu verlieren. Schreckliche Bilder gehen durch die Medien. Als Priester bin ich durch regelmäßige Besuche mit Kranken vertraut, ich komme auch oft zu Sterbenden, ich kenne die Intensivstation sehr gut. Krankheit, Sterben und Tod sind für mich fast etwas Alltägliches. Als ich vor etwa zehn Jahren einmal selbst ein paar Tage in Innsbruck auf der Klinik lag, da machte ich selber die Erfahrung, Patient zu sein. Es ist doch noch einmal etwas ganz anders, wenn man selbst unmittelbar mit etwas konfrontiert ist. Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Seither gelingt es mir (hoffentlich) noch besser, mich in die Lage von Kranken zu versetzen.

 Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten von uns sich mit dem Coronavirus anstecken, ist sehr hoch, die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit ausbricht immer noch hoch aber die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der sich ansteckt, daran stirbt, ist äußerst gering. Für einen Nicht-Risikopatienten ist die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben, wahrscheinlich viel geringer, als an einem Verkehrsunfall zu sterben. Angeblich soll das Durchschnittsalter bei Coronatodesfällen 79,5 Jahre betragen. Menschen haben vor Corona Angst, weil sie in Wirklichkeit vor dem Sterben, bzw. vor dem Leiden (über das Leiden möchte ich in den nächsten Tagen extra etwas schreiben) Angst haben. Viele denken in ihrem Alltagsgetriebe nicht daran oder haben es gar verdrängt, dass jeder von uns einmal sterben muss. Das Virus hat diese Tatsache wieder drastisch in Erinnerung gerufen und manche tun sich nun schwer, damit umzugehen.

Der Tod hat oft etwas Anonymes, er findet weg von zuhause statt, die meisten Menschen möchten so wenig wie möglich damit konfrontiert sein. Gesellschaftlich gesehen gibt es zwei extreme Sichtweisen auf den Tod: Einerseits die Euthanasie, die sich anmaßt, über den Wert des Lebens zu entscheiden und alten, unproduktiven Menschen den Lebenswert abspricht und andererseits eine Realitätsverweigerung, die auch bei betagten und lebenssatten Menschen alle medizinischen Möglichkeiten bis zum Äußersten ausschöpfen will, um das Leben künstlich um ein paar Monate, Wochen oder gar nur Tage zu verlängern. Der Psychiater DDr. Bonelli fragt in diesem Zusammenhang, ob dabei das Leben verlängert wird, oder nur das Sterben.

Diese Frage stellt sich auch im Hinblick auf das Coronavirus. Es ist es doch so: in den allermeisten Fällen bewirkt „Corona“ nicht das Sterben an sich, sondern höchstens, dass jemand früher stirbt. Vielleicht wäre es angezeigt, uns darauf zu konzentrieren, dass jeder sterben muss und weniger danach zu fragen woran. Wir müssen uns fragen, welche Einstellung haben wir zum Tod, zum Leiden und zum Sterben. Dies hängt – so meine ich – vor allem auch damit zusammen, welche Einstellung wir zum Leben haben bzw. wie wir leben.

Es gibt eine sogenannte natürliche Angst vor dem unmittelbaren
Sterben. Die Menschennatur ist so gebaut, dass sie leben will, sie flieht den
Tod, das ist auch der Fall, wenn jemand gläubig ist. Sogar Jesus hat die
Todesangst durchlitten und am Grab des Lazarus geweint.

Aber eine allgemeine Angst vor dem Sterben – das sage ich jetzt einmal etwas provokant – hängt auch damit zusammen, dass wir vielleicht nicht wirklich leben oder nicht wirklich leben wollen.  In einem Messgebet ist  in Bezug auf die Heiligen der Satz formuliert: „Blicke auf ihr heiliges Leben und Sterben und gewähre uns auf ihre Fürsprache deine Hilfe und deinen Schutz.“

In früheren Jahrhunderten gab es die Einstellung: memento mori – gedenke des Todes. Wenn jeder von uns einmal am Tag an das Sterben dächte, dann würde es uns viel leichter gelingen, besser, tiefer, erfüllter und sinnvoller zu leben, weil uns im Blick auf das Ende die Prioritäten, das Gute, das Wichtige viel deutlicher bewusst würden. Also irgendwie gilt woh: Unsere Einstellung zum Sterben hat Einfluss auf die Einstellung zum Leben, oder noch konkreter: Wie wir leben, so werden wir sterben.

Für mich stellt sich hier eine Grundfrage. Wenn der Mensch
als in Wirklichkeit abhängiges Geschöpf ohne Verbindung zu seinem Schöpfer
lebt, dann erfährt er sich irgendwie als verloren, er ist ausgeliefert und Tod,
Leiden und Sterben stehen über ihm wie ein Damoklesschwert.  Er wird sich auf vergängliche Dinge stürzen,
versuchen, das Leben auszunützen, etwas vom Leben zu haben, um den unausweichlichen
Tod zu verdrängen.

Ich gebe jetzt jeden Tag mit dem Allerheiligsten für die
ganze Pfarre und das ganze Tal, einen Segen in alle vier Himmelsrichtungen.
Darin ist die Bitte um Bewahrung vor Blitz und Ungewitter (Osten), vor Pest,
Seuchen und Krieg (Süden) vor allem Übel (Norden) und vor einem plötzlichen,
unvorhergesehenen Tod (Westen) enthalten. Heute sagen viele Menschen, es wäre
ihnen am liebsten, wenn sie plötzlich sterben würden. Sie wünschen sich das
Gegenteil dieser Segensbitte, einen unvorhergesehenen, plötzlichen Tod.

Wenn man sich das wünscht, hat man aus den Augen verloren, wie wichtig eine Vorbereitung wäre, eine Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen. Dahinter steht die Auffassung, dass es nachher nichts mehr gibt, dass der Mensch durch den Tod ins Nichts versinkt. Diese Einstellung muss logischerweise zur Ansicht führen, dass der Mensch eigentlich keinen dauernden Wert hat, er hat nur in diesem Leben eine Bedeutung und hier nur, insofern er etwas kann, hat, oder ist. In dieser Sichtweise streben Menschen nach irdischen Gütern (Macht, Ansehen, Reichtum, Genuss) und  verdrängen das Sterben und geben so der Angst davor erst Raum.

Früher haben die Menschen eher an das Gericht gedacht, an die Tatsache, dass sie im Tod vor dem lebendigen Gott hintreten und wollten daher auf den Tod vorbereitet sein. Sie wollten so gut vorbereitet sein, dass sie sicher und am besten unmittelbar in den Himmel kommen. Sie hatten das tiefe Bewusstsein vom Himmel, das der Apostel Paulus mit den Worten ausdrückte: „Was kein Auge gesehen hat, was kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz je gedrungen ist, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.“ Der Apostel Paulus hatte die Herrlichkeit Gottes so klar vor Augen, dass er einmal sagen konnte: „Ich sehen mich danach, aufzubrechen und beim Herrn zu sein.“

Oft hat man der Religion vorgeworfen, sie sei nur eine haluzinierte Wunscherfüllung (z. b. Feuerbach), der Mensch werde auf das Jenseits vertröstet und die Gläubigen hätten nichts vom Leben. Heute, wo viele von der Religion Abschied genommen haben, könnte man eher das Gegenteil feststellen. Viele Menschen verdrängen heute das Jenseits und meinen in diesem Leben die Erfüllung finden zu müssen, was niemals gelingt. Sie verfehlen deshalb auch dieses Leben, weil sie sich gerade sklavisch an irdischen Dingen verbeißen.

Jesus hat uns nicht versprochen, dass wir etwas vom Leben
haben, sondern viel mehr, das Leben selbst. Er sagt: Ihr sollt das Leben haben
und ihr sollt es in Fülle haben.

Jetzt kommen wir zum praktischen Teil dieser Überlegungen. Gestern habe ich einen Bankfachmann in Wien angerufen, den ich zufällig einmal im Kloster Heiligenkreuz kennengelernt habe. Wir haben zuerst über die wirtschaftlichen Gefahren der Coronakrise gesprochen, über die Gefahr die ein „Koste es, was es wolle“ mit sich bringt, dann aber gleich über seelsorgliche Dinge gesprochen. Er sagte. „Diese Zeit ist eine Zeit der Gnade. Jetzt wirkt Gott besonders!“

Ich bin der festen Überzeugung, dass jetzt für viele
Menschen ein Kairos kommt, die Gunst der Stunde, nämlich wirklich zu leben,
nicht nur etwas vom Leben zu erheischen, sondern das Leben selbst. Ich bin
überzeugt, dass im Grunde genommen jeder Mensche die Sehnsucht danach hat, aber
wir haben uns ablenken, verführen oder betäuben lassen.

Ich mache euch einen Vorschlag für ein neues Denken

Gott lässt jetzt eine Gefahr für das Leben zu, damit wir uns
besinnen auf den wirklichen Wert des Lebens, damit wir das Leben wieder
schützen.

Gott lässt möglicherweise zu, dass wir jetzt den Wohlstand verlieren, damit wir wieder das größere Gut, das Heil anstreben, den seelischen Wohlstand erlangen.

Gott lässt zu, dass wir irdische Scheinsicherheiten
verlieren, damit wir den Halt und die Geborgenheit wieder dort suchen, wo es
ihn wirklich und auf Dauer gibt, bei IHM.

Gott lässt eine Todesangst zu, damit wir lernen, dem Tod ins Auge zu sehen und die Sünde mehr zu fürchten als den leiblichen Tod und das ewige Leben anzustreben.

Wenn wir das Leben achten und schützen, wenn wir das Heil,
das ewige Leben und den Halt bei Gott suchen und das ewige Leben wirklich
anstreben, dann wird uns der Herr alles andere in neuer Weise wieder schenken.

Hier drei Möglichkeiten, für diese Gnade Gottes, für eine
neues Denken offen zu sein:

  • Bete jeden Tag ein Vater unser. Wenn ihr allein die enthalten Bitte „Dein Wille geschehe!“ wirklich aufrichtig sprecht, wird er jetzt Dein ganzen Leben radikal verändern.
  • Bete jeden Tag ein „Gegrüßet seist du Maria“. Darin ist die Bitte enthalten, dass Maria uns jetzt beisteht und in der Stunde des Todes. Wenn wir diese Bitte täglich aussprechen, brauchen wir den Tod und das Sterben nicht zu fürchten.
  • Bete täglich den Psalm 91. Du wirst den Schutz Gottes ganz tief erfahren.

Morgen möchte ich mit euch über die Arbeit nachdenken.

Euer Hirte

Ignaz Steinwender